Einmal Stockholm und zurück - Ein wiederaufgefundenes Porträt von Karl Weierstraß

Von den bedeutenden Persönlichkeiten vergangener Tage findet man in der Literatur gewöhnlich stets dieselben (oft wenigen) wohlbekannten Porträts vor. Es dürfte daher von Interesse sein, ein Porträt von Karl Weierstraß vorzustellen, das ich kürzlich aufgespürt habe, und das anscheinend bisher nicht bekannt geworden bzw. in Vergessenheit geraten ist.

Am 19. Februar 1997 jährte sich der Todestag des großen Berliner Mathematikers zum 100. Mal. Da fügt es sich gut, das Porträt aus diesem Anlaß in demjenigen Journal zu publizieren, dessen langjähriger Autor und späterer Mitherausgeber Weierstraß gewesen war.

Karl Weierstrass

Das wiedergegebene Bildnis wurde 1895 von dem Maler, Graphiker und Bildhauer Conrad Fehr (1854-1933) ,,nach dem Leben`` angefertigt, zeigt also den achtzigjährigen Weierstraß. Es ist zu einer Zeit entstanden, als Weierstraß schon an den Rollstuhl gefesselt war. In jenem Jahr konnte er noch das Erscheinen des 2. Bandes der Ausgabe seiner Werke erleben. An seinem 80. Geburtstag nahm Weierstraß auf ärztlichen Rat nur für zwei Stunden im Sessel sitzend in seiner Wohnung die Glückwünsche von Schülern, Freunden und Kollegen entgegen, gezeichnet zwar durch körperliche Leiden, doch schlagfertig und passend in seinen Erwiderungen auf die gehaltenen Ansprachen.

Zur Geschichte des Auffindens: Das anläßlich des 80. Geburtages von Weierstraß entstandene Ölgemälde von R. von Voigtländer mit dem Porträt des Jubilars ist wohlbekannt (siehe z.B. [1]); dagegen findet sich in der Literatur nur gelegentlich die Erwähnung, daß Weierstraß zu seinem 80. Geburtstag auch ein von Fehr im Auftrage von Schülern und Freunden angefertigtes Porträt (Radierung) des Mathematikers überreicht worden ist. Durch das bevorstehende Jubiläum veranlaßt, suchte ich im Institut Mittag-Leffler (Djursholm/ Schweden) nach diesem Bildnis, fand aber lediglich das Foto eines Weierstraß-Porträts, auf dem deutlich die Signatur Fehrs zu erkennen war. Sollte es das gesuchte Bild sein? Nach einer Druckgraphik sah es allerdings nicht aus. Obwohl G. Mittag-Leffler nachweislich eine solche erhalten hat, blieb sie unauffindbar. Es stellte sich dann heraus, daß im Kupferstichkabinett Berlin tatsächlich eine 1895 angefertigte Radierung von Fehr vorhanden ist. Dieses Porträt war in [2] (S. 4) publiziert worden, allerdings ohne Hinweis auf Fehr oder das Jahr 1895. Ohne Zweifel handelt es sich um jene in der Literatur gelegentlich erwähnte Radierung. Das Foto aus Djursholm zeigte aber ein ganz anderes Porträt. Fehr mußte demnach ein weiteres Bildnis angefertigt haben. War es noch irgendwo vorhanden?

Und in der Tat fand sich das Original im Kunstbestand des Archivs der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Es ist nach dem Djurshomer Foto (mit freundlichen Genehmigung des Institutes Mittag-Leffler) wiedergegeben. Es handelt sich um ein 1895 von Fehr angefertigtes Pastellbild (103 cm x 108 cm), wobei einige Details, die auf dem Foto noch gut erkennbar sind, auf dem Original inzwischen nur schwer ausgemacht werden können (z.B. die Fehrsche Signatur.) Das Bild befand sich 1901 auf der großen Berliner Kuntsausstellung (im Ausstellungskatalog aufgeführt, aber nicht abgebildet). Fehr schenkte es im Oktober desselben Jahres der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. "

- Reinhard Boelling

Nachweis der erwähnten Weierstraß-Porträts:

[1] titelbild im Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 24 (1915).
[2] Karl Weierstraß: Ausgewählte Kapitel aus der Funktionenlehre. Vorlesung, gehalten in Berlin 1886. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Anhang versehen von R. Siegmund-Schultze. (Teubner-Archiv zur Mathematik; 9.) Leipzig: Teubner 1988.